Ort: Iranga/Mairano, TI · Datum: 8.05.2011 · Fall: Eventualvorsätzliches Tötungsdelikt

ZH: Das Tötungsdelikt an Casimiro Pilloud (81†)

Der aus Fribourg stammende Casimiro Pilloud (†81), wollte seinen Lebensabend im Tessin verbringen. Er kaufte sich ein Grundstück in Iragna (Gebiet Mairano), in der Nähe von Biasca. Den grössten Teil verbrachte er mit der Zucht und der Pflege von ca. 120 Kaninchen. Er wohnte in einer einfachen Hütte, die er sich selbst aus wiederverwendeten Materialien gebaut hatte. Er soll offenbar nur von seiner Altersrente (Alters- und Hinterlassenenversicherung AHV) gelebt haben. Ein bescheidenes Leben, ohne jeglichen sichtbaren Reichtum, im Gegenteil. Weiteres ist zur Person bisher nicht bekannt geworden.

Abb. 01

Abb. 01: Abgesperrter Tatort

Wie Casimiro Pilloud (†81) am Dienstag, dem 3. Mai 2011, aufgefunden wurde machten die Ermittler nicht bekannt. Möglicherweise konnte er sich befreien und selbst Hilfe anfordern. Er war zunächst ins Spital San Giovanni in Bellinzona mit verschiedenen Verletzungen an Händen und Gesicht gebracht worden. Dann trat plötzlich ein Kreislaufproblem auf und er wurde ins Cardiocentro in Lugano verlegt, wo er leider am Sonntag, dem 8. Mai 2011 verstarb.

Abb. 02: Übersicht Iragna

Abb. 03: Detail Gebiet Mairano

Abb. 04: Übersicht Kanton Tessin mit Grenzgebiet

Die Tat

Am Dienstag, dem 3. Mai 2011, morgens um 8:00 Uhr, wurde Casimiro P. (†81) überwältigt, betäubt und gefesselt. Dann wurde er schwer misshandelt. Die beiden Täter wollten in Erfahrungen bringen, wo der CHF 300'000 versteckt hielt. Davon gingen die Täter aus. Die beiden Täter drangsalierten Casimiro P. (†81) mit schweren Misshandlungen. So mit einer Zange im Gesicht und dem Ausreissen von Fingernägeln. Nachdem sie nichts erreichen konnten, liessen die Täter von ihm ab und flüchteten mit rund CHF 1000 zu Fuss. Somit ist auch anzunehmen, dass die Täterschaft zu Fuss auf das Grundstück des Opfers gelangte. Es ist aber davon auszugehen, dass sie irgendwo ein Fluchtfahrzeug stehen hatten und die Flucht dann motorisiert fortsetzten.

Die Ermittlungen

Casimiro P. (†81) verstarb also nicht unmittelbar und war trotz der Verletzungen ansprechbar. Damit dürften alle Informationen, die veröffentlicht wurden, durch die Befragung des Opfers erlangt worden sein.

Wenig davon wurde veröffentlicht. Möglich, dass eine Befragung aufgeschoben wurde. Immerhin hielt er sich im Spital auf. Zuerst ging es ihm aber vier Tage lang den Umständen entsprechen gut, bis er dann am Sonntag verstarb.

Da nichts über das Signalement der Täterschaft öffentlich wurde, haben es die Ermittler wohl verpasst, hier für etwas Klärung zu sorgen. Eine eingehende Befragung hätte trotz der Umstände so schnell wie nur möglich erfolgen sollen.

Rechtsmedizin

Bekannt ist, dass das Opfer massive Verletzungen im Gesicht und an den Händen aufwies.

Weiter wissen wir nur, dass untersucht würde, ob der Tod kausal mit dem Angriff in Zusammenhang gebracht werden kann. Dabei wird die adäquate Kausalität geprüft: Der Tod muss eine typische, voraussehbare Folge der Tat sein. Weiter kommt es auch auf die natürliche Kausalität an: Ohne die Misshandlung wäre das Opfer wahrscheinlich nicht gestorben.

Bei Gewaltdelikten mit nachfolgendem Herzinfarkt sagen Gerichte häufig: „Der Stress und die Verletzungen waren ein wesentlicher Faktor, auch wenn eine Vorerkrankung bestand.“

Wenn die Misshandlung zumindest mitursächlich war (nicht nur alleinige Ursache), reicht das juristisch oft für vorsätzliche Tötung durch Eventualvorsatz oder fahrlässige Tötung, je nach Kontext. Allerdings reicht das nicht für eine Mordanklage.

Damit kommt bei (eventual-)vorsätzlicher Tötung wohl nur Art. 111 des Strafgesetzbuches (StGB) in Frage. Strafrahmen: nicht unter 5 Jahren, bis 20 Jahre möglich. Die Verjährungsfrist beträgt 15 Jahre. Damit würde Tat am 3. Mai 2026 verjähren. Aufgrund des äusserst brutalen und skrupellosen Vorgehens der Täter wäre wohl der Strafrahmen klar im oberen Bereich zu verorten.

Ob nützliche Fremd-DNA-Spuren gesichert wurden, erfahren wir nicht. Dies wäre bei einem solchen Vorgehen der Täterschaft zu erwarten. Sollten tatsächlich keine solchen Spuren gesichert worden sein, wäre es ebenso erstaunlich. Dies würde wiederum auf ein professionelles Vorgehen hindeuten, was mit einer entsprechenden Planung einhergeht.

Die Täter

Viel über die beiden Täter wird nicht veröffentlicht. Sie hätten italienisch gesprochen, es müsse sich aber nicht um Männer aus Italien handeln. Dies ist wohl der Tatsache geschuldet, dass ein italienisch sprechender Schweizer wohl möglicherweise einen Dialekt erkannt hätte, um unterscheiden zu könnten, ob die Täter Schweizer oder Italiener waren. Dies war dem Opfer nicht möglich.

Trotzdem: Was haben die Ermittler über das Signalement der beiden Täter erfahren? Dazu konnte ich bisher keine Informationen finden. Zugegeben: Da ich selbst auch nicht italienisch (bzw. nur wenig) gelernt habe, fällt es mir schwer entsprechende Webinhalte zu finden.

Haben andere Personen etwas bemerkt? Ob es einen konkreten Zeugenaufruf gab, ist mir bisher nicht bekannt. Ein solcher könnte gewisse Rückschlüsse eröffnen.

Sahen die beiden Täter möglicherweise sogar ähnlich aus? Könnte Täter der zweite der Bruder oder Cousin gewesen sein? Es braucht viel gegenseitiges Vertrauten, um zu erreichen, dass auch nach knapp 15 Jahren nichts an die Öffentlichkeit dringt.

Das Tatmotiv

Hier ist auffällig, dass die Täterschaft offenbar davon ausgegangen ist, dass das Opfer über ein Vermögen von CHF 300'000.-, welches auch greifbar gewesen sein muss, also irgendwo versteckt. Dies sogar trotz der äusseren Umstände, die auf keinen Fall so ein Vermögen vermuten liessen.

Woher kommen die Informationen über das mutmasslich vorhandene Geld? War die Täterschaft für die Tat angeworben worden? Steht also ein Dritter hinter der Tat? Ist es möglich, dass die Täterschaft das Opfer verwechselte? Casimiro P. (†81) war gar nicht die Zielperson. Das wäre tragisch. Haben die Ermittler in diese Richtung ermittelt?

Wir wissen nicht, wie und ob die Polizei den Besitz – insbesondere die Kaninchenställe – untersucht hat. Ein solches Barvermögen scheint aber nicht zum Vorschein gekommen zu sein. Unweigerlich fällt mir dabei ein Film von 1963 in den Sinn, in dem Cary Grant und Audrey Hepburn die Hauptrollen besetzten. Der Film heisst «Charade». Aus einem Diebstahl von Armeegeldern wollen die Beteiligten ihren Anteil und suchen bei einem anderen Beteiligten nach dem Geld. Sie fanden keines. Es stellte sich zum Schluss heraus, dass er vier oder fünf sehr wertvolle Briefmarken mit dem Geld kaufte. Sehr wertvolle Goldmünzen würden zwar eher auffallen, können aber besser versteckt werden. Warum nicht? Mysteriös bleibt, warum die Täterschaft genau CHF 300'000 suchte. Vielleicht ist auf seinem – wohl ehemaligen Grundstück – doch noch ein Schatz vergraben...

Besorgte Bürgerreaktion

Rund vier Monate nach der Tat, gab es einen Leserbrief Donnatello Poggi, publiziert am 19. August 2011 auf ticinolive.ch, den ich hier noch im Originaltext anfügen möchte.

Es scheint – aber vielleicht ist es nur mein Eindruck –, dass unsere Polizei, aber dasselbe gilt für die Staatsanwaltschaft, immer dann „ziemliche Schwierigkeiten bei den Ermittlungen“ hat, wenn die Dinge ein wenig komplexer werden als erwartet.

Als einfacher Bürger, der nicht weit vom Tatort entfernt lebt (meine Gemeinde grenzt an Iragna), bin ich ziemlich beunruhigt darüber, dass nach fast vier Monaten (?) seit der brutalen Aggression (mit anschließendem Tod wenige Tage später) gegen den armen 81-jährigen Mann aus Iragna das absolute Schweigen eingekehrt ist.

Tappt die Polizei im Dunkeln? Ich erinnere mich, dass die Untersuchung vom Staatsanwalt Arturo Garzoni geleitet wird, aber auch von dort hört man absolut nichts. Ich erinnere mich ebenfalls daran, dass die brutale Aggression (mit Folter) am 3. Mai gegen 8 Uhr morgens durch zwei Täter mit unbedecktem Gesicht (?) begangen wurde, die Italienisch sprachen und anschließend zu Fuß flohen (?). Die zwei Kriminellen suchten 300'000 Franken, die der arme Mann offensichtlich nicht hatte, und am Ende gingen sie mit tausend Franken davon.

Leider verstarb Herr Pilloud drei oder vier Tage später im Spital – und jetzt spricht niemand mehr über diesen traurigen Vorfall. Ist das mediale Interesse erloschen?

Der Bürger, der kantonale und kommunale Steuern bezahlt, auch um eine gewisse Sicherheit garantiert zu bekommen, hat immer häufiger den Eindruck, dass unsere Polizeikräfte sehr eifrig sind, wenn es um Verkehrskontrollen oder andere „kleinere“ Dinge geht, während sie tatsächlich Schwierigkeiten zu haben scheinen, wenn die Dinge etwas „komplizierter“ werden und die Ermittlungen sozusagen „zäh“ werden.

Fakt ist, dass in Iragna vor etwa vier Monaten ein armer älterer Mann morgens um 8 Uhr brutal zusammengeschlagen wurde (feige!), und die zwei Täter dieser brutalen Tat, die zu Fuß geflohen sind und offenbar unmaskiert waren, immer noch frei sind und wahrscheinlich ein ruhiges Leben führen.

Warum sagt niemand mehr etwas? Warum hat Staatsanwalt Garzoni nichts zu dieser Angelegenheit zu sagen, die die ganze Region erschüttert hat und über die Zeitungen und Fernsehsender wiederholt ausführlich berichtet haben, vielleicht sogar mit zu viel Sensationslust?

Jemand soll etwas sagen, denn man könnte sonst an eine gewisse Ineffizienz der zuständigen Behörden denken – ohne Beleidigung.

Aber, Worte beiseite, angesichts der Leute, die in der Schweiz unterwegs sind – wir haben alle (hoffentlich) gelesen, was in Pfäffikon und Interlaken in nur zwei Tagen durch die „üblichen Verdächtigen“ geschehen konnte –, ist es zur Verteidigung des eigenen Zuhauses besser, sich auf die eigenen „Kräfte“ zu verlassen und vorzubeugen.

Die Sorge, gerade in der Umgebung des Tötungsdeliktes ist verständlich. Vielmehr noch, wenn sich keine Ermittlungsansätze ergeben. Dabei sei daran erinnert, dass die Polizei bei Delikten jeglicher Art immer auch auf die Aufmerksamkeit der Bürger angewiesen ist. Beobachten, scheinen sie teilweise noch so belanglos, können aber dazu beitragen, eine Indizienkette zu vervollständigen. Darum lieber einmal mehr die Polizei bezüglich Beobachtungen kontaktieren als einmal zu wenig.

Die Ermittlungsbehörden stehen immer vor dem Problem, wie viele Informationen an die Öffentlichkeit gebracht werden sollen. Dabei wird aber oft unter dem Aspekt, dass kein reines Täterwissen bekannt werden soll, auch Informationen zurückgehalten werden, die durchaus geeignet wären, darüber zu informieren, damit sich auch die Öffentlichkeit ein Bild der Tat machten kann. Auf einen genaueren Fahndungsaufruf könnten mehr Reaktionen folgen. Natürlich heisst das auch mehr Polizeiarbeit: All diesen Meldungen muss die nötige Aufmerksamkeit und Klärung des Sachverhaltes gelten.

Mit der Kritik an den Ermittlungsbehörden sollte man sich aber zurückhalten. Natürlich wissen wir nichts über das Vorgehen und den Stand der Ermittlungen. Ob sich bei der Veröffentlichung von Informationen die Staatsanwaltschaft mehr oder weniger geschickt verhält, ist nicht der Polizei anzulasten.

Einschätzung der Tat

Schwierig ist, ob die Tat als Mordversuch mit Todesfolge gewertet werden kann. Wollten die Täter das Opfer wirklich töten und merkten nicht, dass Casimiro P. (†81) noch lebte, als sie flüchteten? Dazu wurde informiert, dass entsprechende Untersuchungen laufen, ob das Ableben von Casimiro P. (†81) direkt als Folge der Tat gewertet werden kann.

Meine persönliche Einschätzung ist, dass nicht gerichtsfest ein vorsätzlicher Mord vorliegt. Zwar trifft das Mordmotiv Habsucht zu. Mit der Verschleierung einer Straftat wird es dann schon schwierig. Denn Tatsache ist, dass das Opfer nicht verstarb. Wiederum sind die niederen Beweggründe wohl noch am ehesten zutreffend.

Die endgültige Einschätzung kann erst nach der Einvernahme der Täter erfolgen. Die Verteidigung würde allerdings versuchen, das Verbrechen auf eine schwere Körperverletzung zu reduzieren, da – wie erwähnt – es schwer zu Beweisen ist, ob das Ableben direkt der Tat zugeordnet werden kann.

Die Ermittlungen sollten aber aufgrund der Fortschritte bei der DNA-Analyse und -Ermittlungsmöglichkeiten (seit 2023) nochmal forciert werden. Es muss erreicht werden, die Täterschaft vor Eintreten der Verjährung von 15 Jahren zu fassen. Dies ist die Verjährungsfrist für (eventual-)vorsätzliche Tötungsdelikte. Die Schranke fällte am 5. Mai 2026 – also sehr bald!

Persönlich denke ich, dass die Zeit bis zum 5. Mai 2026 nicht mehr ausreicht, um die Täterschaft zu finden und eine gerichtsfeste Anklage zu erheben. Nur so könnte die Verjährung unterbrochen werden.

Quellen

  • ticinonews.ch: Bericht vom 8. Mai 2011 (it)
  • ticinonews.ch: Bericht vom ? (it)
  • ticinolive.ch: Leserbrief vom 8. August 2011 (it)
  • Abb. 01: tio.ch (Bezahlschranke), Bild ©Ti-Press/Carlo Reguzzi

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