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Ort: Erstfeld, UR · Datum: 4.05.2007 · Fall: Tötungsdelikt/Fahndung

Doppelmord in Erstfeld

Achtzehn Jahre ist es her, dass in der Nightbar Taverne in Erstfeld zwei Personen getötet und zwei weitere verletzt wurden. Der mutmassliche Täter Ali Sebti ist weiterhin auf freiem Fuss - oder tot. Kein klassischer Cold Case, da der Täter bekannt ist. Bis heute konnte dieser aber nicht gefasst werden. Darum möchte ich diesen Fall hier vorstellen, obwohl nicht viel Material vorhanden ist.

Die Tat

Es ist eines der schlimmsten Verbrechen der jüngeren Zeit im Kanton Uri: der Doppelmord in der Nightbar Taverne in Erstfeld. Vor 18 Jahren, in der Nacht auf den 4. Mai 2007 kurz nach Mitternacht betritt Ali Sebti die Bar des Hotels Hof. Ali Sebti beginnt die Gäste zu beschimpfen und wird aus der Bar gewiesen. Gegen 1:30 Uhr verlassen auch die anderen Gäste die "Hof"-Bar. Drei von ihnen Alfons A.* (54), Martin A.* (42) und Johnny Z.* (65) gehen zwei Häuser weiter in die "Taverne". Dort stösst Sebti zu den drei Männern an der Bar. Die Stimmung ist zuerst unerwartet friedlich. Sebti steht aber plötzlich auf, geht in seine Wohnung nebenan, holt sich dort ein Messer mit einer Klinge von 21 Zentimeter Länge und kehrt in die "Taverne" zurück. Dort befinden sich zwischenzeitlich nur noch die drei Freunde, ein paar Tänzerinnen und Ignaz Walker, der Wirt der "Taverne". Mittlerweile ist es 3:30 Uhr.

Dann soll alles ganz schnell gegangen sein. Marin A. und Alfons A. werden vom Sebti mit dem Messer angegriffen. Als dieser auch Johnny Z. angreift, kann Walker eingreifen. Der Wirt sprüht dem Angreifer Pfefferspray ins Gesicht und wird dabei selbst verletzt. Walker kann Sebti schliesslich aus dem Lokal jagen.

Bereits zehn Minuten später trifft die Polizei am Tatort ein. Martin A. und Alfons A. sind bereits tot, Johnny Z. ist schwer verletzt. Walker wird nur leicht verletzt. Der damalige Urner Polizeikommandant Reto Habermacher erklärt später an einer Medienkonferenz, dass die Opfer richtiggehend abgeschlachtet wurden. Die Sondereinheit Luchs stürmt die Wohnung von Sebti, kann diesen dort aber nicht antreffen. Die Polizei schreibt den mutmasslichen Täter zur Fahndung aus und publiziert ein Bild und das Signalement von Sebti.

Abb. 01

Abb. 01: Spurensicherung am 5. Mai 2007 in der Nightbar Taverne, Erstfeld

* Aliasname der Urner Zeitung, Namen der Redaktion bekannt

Der Täter

Als mutmasslicher Täter wurde ein Asylsuchender identifiziert. Er war unter dem Namen Ali Sebti ohne Papiere in die Schweiz eingereist und stammte gemäss eigenen Aussagen aus Algerien. Mit diesen beiden Fahndungsbildern fahndet die Polizei nach dem Täter:

Abb. 02

Abb. 02: Fahndungsfotos Ali Sebti

Warum auf der Website von Interpool diese Fahndungsfotos nicht publiziert wurden - auch bis heute nicht - kann ich nicht nachvollziehen.

Die Polizei veröffentlicht auch das Signalement von Ali Sebti (auch nicht bei Interpol publiziert):

Abb. 03

Abb. 03: Signalement Ali Sebti

Weiter wird darauf hingewiesen, dass Ali Sebti arabisch und italienisch spricht. Er könnte sich also vor der Einreise in die Schweiz, längere Zeit in Italien aufgehalten haben. Zudem wird er als äusserts gewaltbereit beschrieben. Dies wird sich bis heute nicht geändert haben.

Nachtatverhalten

Zuerst wurde vermutet, dass er sich mittels Autostopps oder der Bahn Richtung Italien abgesetzt haben könnte. Diese Vermutung erwies sich aber als falsch. Die Vermutung liegt wohl darin begründet, dass Ali Sebti auch italienisch sprach.

Bereits einen Tag später wird der Ali Sebti von der Polizei in Karlsruhe wegen Ladendiebstählen verhaftet. Da die deutsche Polizei noch nichts über die Bluttat in Erstfeld und die Fahndung weiss, lässt sie ihn wieder laufen. Seither fehlt von Ali Sebti jede Spur. Könnte es also sein, dass sich Ali Sebti, ausgestattet mittlerweile mit gefälschten Papieren, nach wie vor in Deutschland aufhält? Hatte er gar Bekannte in Karlssruhe oder in der Umgebung, die ihn schützen und ihm die falschen Ausweispapiere besorgt haben? Könnte er sich mit den gefälschten Papieren nach Frankreich oder Italien abgesetzt haben? Natürlich kommt auch jedes andere Land in Betracht.

Seine finanziellen Mittel bzw. Möglichkeiten könnten allerdings den Aufenthaltsort stark einschränken. Möglich aber, dass er sich finanziell abhängig machte und zuerst darum besorgt sein musste, diese Schulden zu tilgen. Zudem könnte er sich in bestimmten Kreisen des organisierten Verbrechens erpressbar gemacht haben und ist nach wie vor von diesen Personen abhängig.

Fahndung Interpol

Also kein Fahndungserfolg bisher, obwohl auch die Sendung «Aktenzeichen XY» über den Fall berichtete und auch Interpol sowie Europol die Fahndung unterstützten. Auf der Website von Interpol ist - wie bereits erwähnt - nur der abgebildete Fahndungsaufruf publiziert. Vorname und Name, sowie das Alter. Weitere Angaben: Fehlanzeige, obwohl vorhanden.

Abb. 04
Abb. 4: Fahndung nach Ali Sebti auf Interpool

Das Alter wird auf Interpol mit 58 Jahren angegeben. Im Tatjahr - also 2007 - soll er ca. 40 Jahre alt gewesen sein. Somit ist klar, dass das heutige (2025) geschätzte Alter gemeint ist. Der Fall wurde offenbar auch in der Sendung Aktenzeichen XY ungelöst... vorgestellt, da sich Ali Sebti auch in Deutschland strafbar gemacht hatte.

Mit solch marginalen Informationen auf Interpol verwundert es nicht, dass bis heute kein Fahndungserfolg resultierte. Sollte er sich ggf. von Deutschland wieder nach Algerien abgesetzt haben, stellt sich die Frage, wie aktiv in Algerien nach Ali Sebti gefahndet wird oder stammt er effektiv aus Marokko? Aufgrund der grossen algerischen bzw. marokkanischen Gemeinschaften in Frankreich ist es auch gut möglich, dass er in Frankreich untergetaucht ist. Dass er irgendwann nach der Tat mit gefälschten Papieren in die Schweiz zurückgekehrt ist und hier unerkannt lebt, dürfte eher ausgeschlossen sein, darf aber nicht ausgeschlossen werden.

Herkunft und Häufigkeit des Namens Sebti

Laut der Namensdatenbank „Names Pedia“ wird der Nachname Sebti weltweit mindestens 477-mal in mindestens 16 Ländern verwendet. Dabei wird festgehalten, dass davon rund die Hälfte der Namensträger in Algerien leben. Dies sind aktuelle Daten und beziehen sich nicht auf das Jahr 2007. Zudem muss berücksichtigt werden, dass nicht bekannt ist, ob die Schreibweise des Namens richtig übernommen wurde. Es gibt auch hier Abwandlungen in der arabischen Schreibweise, vergleichbar bei uns ist wohl der Name "Meier".

Weiter wird ausgeführt, dass der Name Sebti wohl am häufigsten in Marokko vorkommen soll, aber bestätigt wird, dass dieser in Algerien vorkommt, allerdings eher selten. Hier ist die Mutmassung möglich, dass die Herkunft möglicherweise auch falsch angegeben wurde und Ali Sebti in Wahrheit aus Marokko stammt. Da dieser ohne gültige Papiere in die Schweiz einreiste, kann es sogar sein, dass Vorname, wie auch der Name gar nicht der Wahrheit entsprechen. Ob diesbezüglich Abklärungen erfolgten, ist nicht bekannt. Allerdings ist davon auszugehen, dass er schon bald nach der Tat eine neue Identität angenommen hat.

Weit weg oder tot?

Die Fahndung nach Ali Sebti läuft weiterhin. Er ist in allen gängigen internationalen Fahndungsdatenbanken erfasst und ausgeschrieben. Dass der mutmassliche Täter auch achtzehn Jahre nach der Tat auf der Flucht ist, gibt es gemäss Ruedi Huber, Chef der Urner Kriminalpolizei (2015) zwei mögliche Erklärungen: «Die eine Möglichkeit ist, dass er sich in ein Land abgesetzt hat, das die erkennungsdienstliche Arbeit ungenügend oder gar nicht umsetzt.» Die zweite Möglichkeit: «Ali Sebti ist tot.»

Letzter Möglichkeit ist gar nicht so abwegig. Die kriminelle Energie und die niedrige Hemmschwelle bzw. gar Enthemmung und die vollständige Abwesenheit von Empathie beim Töten lässt es fast unmöglich erscheinen, dass Ali Sebti seit nun fast 30 Jahren nicht erneut auffällig geworden wäre. Vielmehr wäre auch zu ergründen gewesen, ob vor der Tat in Erstfeld auch andere Verbrechen in anderen Ländern zum Täterprofil von Ali Sebti hätten zutreffen können.

Wie könnte Ali Sebti heute aussehen?

Ich möchte deutlich darauf hinweisen, dass diese Bilder mit Altersprogression durch ChatGPT erstellt wurden. Daher auf alle Fälle mit Vorsicht zu geniessen. Für einen gewissen Eindruck finde ich die Bilder aber durchaus brauchbar.

Abb. 05

Abb. 05: Altersprogressives Bild Ali Sebti, Chat GPT, 1. Variante

Abb. 06

Abb. 06: Altersprogressives Bild Ali Sebti, Chat GPT, 2. Variante

VORSICHT! Diese ChatGPT-Bider bergen Gefahren: Allfällige Hinweise auf Änlichkeiten dürfen nur in Zusammenhang mit weiteren Kenntnissen in Betracht kommen. Insbesondere Kenntnisse über die Vergangeneit einer Person, die heute den altersprogressiven Bildern ähnlich sieht!

Medizinische Akten der Opfer

Zu bedenken gilt es auch, dass medizinische Akten nur einer Aufbewahrungspflicht von 10 Jahren unterliegen. Daher wurden diese rechtzeitig gesichert, damit das Verbrechen nach wie vor gerichtsfest zur Anklage kommen kann. Zudem besteht die Gefahr, dass Zeugen - insbesondere der Wirt Ignaz Walter - beim einem allfälligen Prozessauftakt nicht mehr leben könnten.

Fazit

Am 4. Mai 2037 wird - sofern sich die Gesetzgebung bezüglich der Verjährbarkeit von Mord in der Schweiz nicht ändert - auch dieses Verbrechen ungesühnt bleiben. Die Polizei ist mit ihren Aussagen in nachvollziehbarer Weise vorsichtig. Bis der Täter gefasst ist, steht ein zweifaches Tötungsdelikt zur Diskussion und nicht explizit ein Doppelmord. Das Tatmotiv "Mord" und die zugehörigen Merkmale werden geprüft, wenn der Täter vernommen werden konnte. Da Ali Sebti aber in seine Wohnung zurück ging, um ein Messer mit einer Klingenlänge von 22 cm zu hohlen, lässt den Schluss zu, dass es zu einer Mordanklage kommen wird, sollte Ali Sebti tatsächlich noch innert Frist gefasst werden können. Es bleiben zwar noch 12 Jahre. Wenn diese Zeit aber genauso ungenutzt verstreicht wie die bisherigen 18 Jahre, besteht wenig Hoffnung auf eine Verurteilung von Ali Sebti.

Eine Belohnung für Hinweise, die zur Ergreiffung von Ali Sebti führen, wurde bisher nicht ausgelobt!

Quellenangabe

  • Urner Zeitung: Bericht/Interview vom 8.11.2010.
  • Urner Wochenblatt: Bericht vom 8. Mai 2015.
  • Interpol: Publizierte Fahndung nach Ali Sebti.
  • ChatGPT: Internet-Recherche und Bildgenerierung.

Hinweise können an jede Polizeidienststelle in der Schweiz, Europa oder weltweit gemeldet werden!

Hinweise geben: Wenn Sie Informationen zu diesem Fall haben, nutzen Sie bitte das

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