Ort: Gros Mont Martin, FR · Datum: 21.08.1999 · Fall: Tötungsdelikt

ZH: Das Tötungsdelikt an Willy Spitznagel (†65)

Am 21. August 1999 erreichte die Polizei die Vermisstmeldung. Schwer an Asthma erkrankt, musste zuerst davon ausgegangen werden, dass er sich in einer Hilflosen Situation befinden könnte. Die intensive Suche im Gebiet seines letzten Aufenthaltsortes blieb erfolglos und man rechnete damit, dass er an einem unvermittelt eingetretenen Asthmaanfall irgendwo im Gebiet verstorben ist. Jedoch am 8. Oktober 1999 werden sterbliche Überreste entdeckt, die schliesslich Willy Spitznagel (†65) zugeordnet werden konnten. Schnell wurde aber klar, dass es sich nicht um einen natürlichen Tod gehandelt hatte. Willy Spitznagel (†65) wurde mit einer Schrotflinte erschossen und dann unter Laub und Geäst versteckt, darüber ein Ameisenhaufen. Wildtiere werden dann dafür gesorgt haben, dass Teile an die Oberfläche gelangten und entdeckt wurden.

Das Opfer

Geboren wurde Willy Spitznagel (†65) im Berner Jura. Er war Vater von sechs Kindern. Als die Kinder bereits ausgezogen waren, liess er sich scheiden und brach jeglichen Kontakt zur Familie ab. Zu zwei seiner Kinder hatte er allerdings noch Kontakt. Diese beteiligten sich auch an der Suche nach Willy Spitznagel (†65) als dieser noch als vermisst galt.

Abb. 01

Abb. 01: Bild von Willy Spitznagel (†65)

Rund zehn Jahre vor seinem Tod kam Willy Spitznagel (†65) in Gruyerzerland. Zuvor arbeitete er als Schafhirt im Kanton Graubünden, dann als Viehhirt und Viehbetreuer im Solothurner Jura, wo er Teresa kennengelernt hatte, die dort als Kellnerin in einem Restaurant tätig war. Leider machte ihm seine Asthmaerkrankung immer stärkere Probleme. Das Gelände war zu steil geworden, die Anstrengung zu hoch.

Durch die Recherchen von Marc Valloton, welcher seine Ergebnisse auf seiner eigenen Website publiziert, ist sehr viel über das Opfer bekannt.

Abb. 02: Katenübersicht Distanz La Tour-de-Trême (bei Bulle) - Gros Mont Martin

Abb. 03: Kartenausschnitt mit Grandvillard und Gros Mont Martin

Abb. 04: Kartenausschnitt Gros Mont Martin

Geboren wurde Willy Spitznagel (†65) im Berner Jura. Er war Vater von sechs Kindern. Als die Kinder bereits ausgezogen waren, liess er sich scheiden und brach jeglichen Kontakt zur Familie ab. Zu zwei seiner Kinder hatte er allerdings noch Kontakt. Diese beteiligten sich auch an der Suche nach Willy Spitznagel (†65) als dieser noch als vermisst galt.

Rund zehn Jahre vor seinem Tod kam Willy Spitznagel (†65) in Gruyerzerland. Zuvor arbeitete er als Schafhirt im Kanton Graubünden, dann als Viehhirt und Viehbetreuer im Solothurner Jura, wo er Teresa kennengelernt hatte, die dort als Kellnerin in einem Restaurant tätig war. Leider machte ihm seine Asthmaerkrankung immer stärkere Probleme. Das Gelände war zu steil geworden, die Anstrengung zu hoch.

Fünf Jahre später entschloss er sich daher, sich im Waadtländer Jura niederzulassen. Das Gelände war viel ebenmässiger und nicht so anstrengend. Dort lerne ihn Christian Germann kennen. Ein pensionierter Landwirt in La Praz. Offensichtlich haben sich die beiden sehr gut verstanden. Teresa, nun Lebensgefährtin von Willy besuchte ihn immer am Wochenende, bevor Willy Spitznagel (†65) wieder ins Gruyerzerland zurückkehrte. Dies ca. 3 Jahre vor seinem gewaltsamen Tod. Sie besuchten aber Christian Germann regelmässig.

Im Sommer hielt sich Willy Spitznagel (†65) in auf, den Rest des Jahres verbrachte er mit Teresa in La-Tour-de-Trême. Bereits 17 Jahre ist Teresa nun schon seine Lebensgefährtin. Aus dem Umfeld wird von einer harmonischen Beziehung gesprochen. Kurz vor dem Verschwinden verbrachten auch noch drei Kinder seiner Tochter die Sommerferien bei Willy Spitznagel (†65) im Chalet von Gros Mont Martin.

Die Tat

Zumindest ist diese einigermassen mysteriös. War es eine Zufallstat: Willy Spitznagel (†65) war zur falschen Zeit am falschen Ort. Möglicherweise machte er Beobachtungen, die den Täter in arge Schwierigkeiten hätten bringen können. Für mich ist dies die wahrscheinlichste Möglichkeit.

Viel ist aufgrund des späten Auffindens der Leiche nicht bekannt. Die Bestimmung des möglichen Tattages war offensichtlich nicht möglich oder macht im Prinzip keinen Sinn. Wir erfahren nicht explizit, ob das Opfer von vorne oder von hinten erschossen wurde. Zwar wurde bekannt, dass er in die Brust getroffen wurde, was für eine Tat von vorne schliessen liesse. Dies zu bestimmen, wäre wohl dann möglich, wenn sich noch Schrotkügelchen in Knochen festgestellt werden konnten. Möglich auch, dass diese Information als konkretes Täterwissen zurückgehalten wurde.

Interessantestes Detail ist, dass das Opfer nicht nur unter Ästen und Laub versteckt wurde, sondern, dass sich der Täter/die Täterin die Mühe machte, einen Ameisenhaufen zu über dem Opfer aufzuschütten, also nicht der originäre sondern ein über das Opfer verbrachter Ameisenhaufen. Das Wissen darum, dass Ameisen für eine schnelle Zersetzung von organischem Materia sorgen, ist in Jägerkreisen bekannt und wird oft dazu gebraucht, um Schädel vom Fleisch zu befreien, damit zum Beispiel der Schädelteil mit dem Gehörn dann besser verarbeitet werden kann. Damit muss man nicht den Schädel mühsam auskochen, um das Gleiche zu erreichen.

Nicht klar ist, ob der Ort des Auffindens auch mit dem Tatort übereinstimmt. Davon muss aber – in Berücksichtigung der Situation – ausgegangen werden.

Abb. 05: Ein Ameisenhaufen bedeckte den Körper des Opfers

Abb. 06: Ein Ameisenhaufen bedeckte den Körper des Opfers

Abb. 07: Ein Ameisenhaufen bedeckte den Körper des Opfers

Die Ermittlungen

Wie bereits erklärt, gestalteten sich die Ermittlungen äussert schwierig. Es sei sowieso sehr schwierig aus dem Milieu Landwirtschaft Informationen zu erhalten. Wo und wie diese Annahme zutreffend war, wird vom zuständigen Untersuchungsrichter nicht erklärt.

Immer, wenn das Opfer spät entdeckt wird und die Tatwaffe nicht gefunden werden kann, sinkt die Wahrscheinlichkeit erheblich, den Fall aufzuklären.

Im Verlauf der Untersuchung haben die Ermittler der Kriminalpolizei mehr als hundert Personen angehört. Der Untersuchungsrichter führte seinerseits 15 Einvernahmen und Konfrontationen durch. Vergeblich. Selbst der Beizug eines Entomologen, die Entsendung zweier Rechtshilfekommissionen an die Justizbehörden in Frankreich und Portugal sowie zahlreiche Hausdurchsuchungen erlaubten es nicht, den Täter zu überführen. Hellhörig macht, unter welchen Umständen die Untersuchungsbehörden offenbar Verdächtige in Frankreich und Portugal ausmachten.

Am 25. Februar 2002 hätte die Untersuchung dennoch neu belebt werden können: Drei Jahre und sechs Monate nach der Tat gab die Freundin des Verstorbenen schliesslich zwei der drei dem Alphirten gehörenden Gewehre zurück, nachdem sie sich bis dahin geweigert hatte, den Ermittlern mitzuteilen, wo sie diese untergebracht hatte. Doch „die an diesen Waffen durchgeführten Untersuchungen haben keine belastenden Elemente zutage gefördert“, präzisiert Jacques Rayroud. Anders gesagt: Die Tatwaffe befand sich nicht unter den zurückgegebenen Waffen. Wo aber ist die dritte Waffe?

So war es auch in diesem Fall: Keinerlei verwertbare Anhaltspunkte für die Justiz.

Rechtsmedizin

Die Leiche war beim Auffinden bereits stark verwest. Der Kopf lag nicht am gleichen Ort wie der restliche Körper. Wahrscheinlich, dass dieser von einem Wildtier von der ursprünglichen Liegestelle wegbewegt wurde.

Aufgrund des starken Verwesungszustandes konnte die Rechtsmedizin lediglich feststellen, dass dem Opfer mit einer Schrotflinte in die Brust geschossen wurde.

Ob Fremd-DNA auf der Kleidung noch gesichert werden konnte, ist nicht bekannt. Davon ist aber eher nicht auszugehen.

Das Motiv

Die Ermittler suchen immer zuerst im persönlichen Umfeld des Opfers. Dabei verhielt sich Teresa – aus welchen Gründen auch immer – sehr unkonstruktiv und geriet dadurch weiter in den Fokus der Polizei. Warum sie die Waffen von Willy Spitznagel (†65) versteckt hielt, ist nicht bekannt, bringt sie aber definitiv nicht aus dem Kreis der Verdächtigen. Sie wurde in Untersuchungshaft genommen, wurde nach einem Monat aber freigelassen, dass sich der Verdacht der Ermittler nicht erhärtete. Ein Motiv gab es hier offenbar nicht.

Wollte jemand Willy Spitznagel (†65) – aus welchem Grund auch immer – gezielt ermorden, würde dies eine eher intensive Vorbereitung erfordern. Der Täter / die Täterin hätte ihm gezielt nachstellen müssen, um sich über seine Gewohnheiten im Gebiet zu informieren. Dann hätte diese Person ihn verfolgen müssen, ohne selbst entdeckt zu werden, um dann bei einer guten Gelegenheit die Tat auszuführen. All das wirkt eher kompliziert, wenn man bedenkt, dass weit und breit kein Motiv ausgemacht werden konnte.

Sicher auch möglich, dass sich eine Person das Vertrauen erschlich, mit ihm auf Tour ging, ihn dann in einem Gespräch sich die Waffe erklären liess und diese selbst einmal halten wollte. Darauf schoss diese Person unvermittelt auf Willy Spitznagel (†65). Auch hier käme wohl nur das Motiv der reinen Mordlust in Frage. Solche Fälle sind besonders schwierig aufzuklären.

Wenn er Pächter der Alp Gros Mont Martin war – was wir nicht wissen – käme eine Person in Frage, der missfiel, dass Willy Spitznagel (†65) den Zuschlag erhielt. Stand eine neue Ausschreibung der Alpbewirtschaftung bevor, die sich jemand sichern wollte, aber möglicherweise befürchtete, nicht genügend bieten zu können? Oder gab es einen Bieterkampf um die Alp, die sich dann Willy Spitznagel (†65) sicherte. Aufgrund der finanziellen Verhältnisse von Willy Spitznagel (†65) gehe ich aber eher nicht von einer solchen Konstellation aus. Er wird sich wohl «nur» eingemietet haben.

Die Ermittler konnten nach intensiven Abklärungen kein Tatmotiv ausmachen. Die mutmasslich Verdächtigen

Aus Sicht der Ermittler machte sich Teresa sehr verdächtig, da sie zuerst die Zusammenarbeit mit der Polizei ablehnte. Welche Beweggründe sie hatte, wird nicht klar. Erst im Jahr 2017 war Teresa bereit, zwei der drei Waffen auszuhändigen. Die Tatwaffe war nicht dabei. Das dritte Gewehr brachte sie kurz vor dem Verbrechen auf Bitte von Willy Spitznage nach Gros Mont Martin. Der Verbleib des Gewehres ist bis heute unbekannt.

Sie hatte sich ein Monat in Untersuchungshaft befunden, liess auch ein psychiatrisches Gutachten zu, die Situation zur Justiz habe sich entspannt, so der Anwalt Teresas.

Die Polizei hätte mehr als 100 Einvernahmen im Umfeld durchgeführt, jedoch ohne Ergebnisse. Nichts, was eine Rekonstruktion der Ereignisse erlauben könnte.

Wilderer gestellt?

Der Kanton Freiburg kennt die Patentjagt. Die allgemeine Saison ist vom 1. September bis Ende Februar des Folgejahres. Auch der Juli ist für eine gewisse Spezialjagt möglich. Willy Spitznagel (†65) wurde mit einer Schrotflinte wahrscheinlich Ende August erschossen. Diese Zeit liegt ausserhalb der Jagdzeit. Wer schon den Knall einer Schrotflinte gehört hat, weiss, dass dieser weithin hörbar ist. Nur: Das Gebiet liegt abgelegen. Es ist nicht verwunderlich, dass niemand den Schuss gehört hat. Dass sich ein Jäger im Gebiet aufhielt, der aus Versehen schoss und unter dem Eindruck des Geschehens sich nicht besser zu Helfen wusste, als die Leiche zu verstecken, scheint daher eher unwahrscheinlich.

Möglich wäre noch, dass Willy Spitznagel (†65) zufällig einen Wilderer stellte. In einer solchen Konfrontation wäre eine Schussabgabe möglich. Solche Beispiele gibt es. Dies könnte auch das Verschwinden seines Gewehres durchaus erklären und vor allem das Wissen um die Ameisen. Im Übrigen wird auch ein geprüfter Jäger mit Patent zum Wilderer, wenn er ausserhalb der Jagdzeit bzw. Schonzeit Wild erlegt. Sollte Willy Spitznagel (†65) einen solchen Jäger gestellt haben, wäre dieser wohl sein Patent los, wenn nicht gar die Sperrung seiner Jagderlaubnis. Dazu käme wohl eine empfindliche Strafe. Auch so ein Vorfall hätte zu einer Verzweiflungstat/Affekttat führen können.

Es kann auf alle Fälle davon ausgegangen werden, dass Willy Spitznagel (†65) ein Jagdpatent hatte. Die Jäger führen auch eine gewisse Funktion als Wildhüter aus. Oft tragen sie dabei ihre Waffe auf sich – zur eigenen Sicherheit. Weil die Tatwaffe nicht gefunden wurde, ist auch nicht klar, ob er mit der eigenen oder einer anderen Schrotflinte erschossen wurde.

Abb. 08: Gedenktafel für Willy Spitznagel (†65)

Quellen

  • ticinonews.ch: quialesavoiralepouvoir.blogspot.com von Marc Valloton vom 17.01.2017 (fr)
  • rts.ch: Bericht vom 15.01.2017 (Teilauszug, fr)

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